Welche rechtlichen Regeln gelten im Homeoffice?

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In der Coronakrise erlauben immer mehr Unternehmen ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ganz oder teilweise von zuhause zu arbeiten. Doch welche rechtlichen Regeln gelten im Homeoffice? Was müssen Arbeitnehmer beachten, was Arbeitgeberinnen leisten?
Kaja Keller klärt auf. Sie ist Rechtsanwältin bei der Berliner Kanzlei Gansel Rechtsanwälte. Sie ist auf Arbeits-, Versicherungs- und Bankrecht spezialisiert.

Frau Keller, darf mich mein Arbeitgeber bei der Heimarbeit kontrollieren, etwa in Form von regelmäßigen Anrufen oder Besuchen?

Kontrolle ist zwar ein starkes Wort, aber der Arbeitgeber hat sehr wohl das Recht zu kontrollieren. Nämlich, ob auch wirklich die vereinbarte Zeit gearbeitet wurde. Aber das darf der Arbeitgeber ja auch, wenn der Arbeitnehmer im Büro arbeitet. Hier gibt es also gar keinen Unterschied. Dass der Arbeitgeber anruft, sollte auch im normalen Maße stattfinden. Insgesamt denke ich, dass hier auf den normalen Menschenverstand zurückgegriffen werden sollte. Die meisten Arbeitgeber haben gar nicht die Zeit, um ständig Kontrollanrufe zu machen. 

Und wenn doch?

Vertraue ich als Arbeitgeber meinem Arbeitnehmer nicht hinreichend, dann sollte ich mich nicht auf eine Homeoffice-Lösung einlassen. Aber dann muss ich mich in letzter Konsequenz ebenso fragen, ob ich mit diesem Mitarbeiter länger zusammenarbeiten kann und will. Regelmäßig bei Ihnen im Homeoffice aufkreuzen darf der Arbeitgeber allerdings nicht. Grundsätzlich ist die Wohnung ein privater Ort, an dem der Arbeitgeber nur mit Ihrer Zustimmung Zugang hat. Eingeschränkt wird dies durch die Verpflichtung des Arbeitgebers, sicherzustellen, dass der Arbeitsplatz der Arbeitsstättenverordnung genügen muss. Um allerdings den Arbeitsplatz in Augenschein nehmen zu dürfen, muss der Arbeitgeber sich bei Ihnen ankündigen und genau diesen Zweck angeben. Sie müssen dem Arbeitgeber daher einmalig in Ihr Arbeitszimmer lassen. Aber das ist auch alles, was der Arbeitgeber von der Wohnung sehen muss und darf. 

Die Arbeitsstättenverordnung gilt also auch in meinem Wohn- oder Arbeitszimmer?

Ja, die Arbeitsstättenverordnung gilt auch in Ihrem Arbeitszimmer. Diese Verordnung dient ja dem Schutz des Arbeitnehmers und verliert ihre Gültigkeit nicht, wenn man von zu Hause arbeitet. Wichtig ist nicht wo, sondern dass gearbeitet wird. Und dann muss der Arbeitgeber sicherstellen, dass sicher gearbeitet wird. Zum Beispiel, dass Kabel keine Stolperfallen sind, dass der Arbeitsplatz nach ergonomischen Gesichtspunkten gestaltet ist, dass die Hygiene stimmt und der Datenschutz eingehalten wird. Ihr Wohnzimmer hat mit der Arbeit ja nichts zu tun, deshalb gilt die Arbeitsstättenverordnung hier nicht. Haben Sie eine Arbeitsecke in Ihrem Wohnzimmer, so gelten die Bestimmungen der Verordnung für diesen Bereich und den Weg dorthin.

Wenn ich mich mit meinem Arbeitgeber auf Homeoffice geeinigt habe, muss er mir dann das dafür notwendige Arbeitsmaterial bereitstellen, etwa Telefonkosten und Schreibblöcke zahlen?

Es kann eine vertragliche Vereinbarung zu Homeoffice geben, die von beiden Seiten unterschrieben worden ist. Das kann man als eine Art Ergänzung zum Arbeitsvertrag betrachten. In dieser Vereinbarung sollte geklärt werden, welche Arbeitsmaterialien der Arbeitgeber bereitstellt (Laptop, Büromaterialien, Möbel) und welche Kosten der Arbeitnehmer eventuell monatlich geltend machen kann (Internetzugang, Telefonanschluss, Strom, Heizung, Reinigung). Auch sollte hier die tägliche Arbeitszeit mit einer Kernerreichbarkeit und die Dokumentation der geleisteten Stunden geregelt sein.

Darf ich beim Arbeiten von zu Hause nebenbei die Wäsche aufhängen?

Solange Sie wirklich Ihre vereinbarten Stunden arbeiten, sehe ich im Wäscheaufhängen zwar kein Problem, aber man muss als Heimarbeiter schon sehr konsequent sein. Man muss sich auf seine Arbeit konzentrieren und auch stringent arbeiten. Alles, was ich neben meiner Arbeit erledige, ist meine Freizeit. Wenn ich also wirklich meine Wäsche zehn Minuten lang aufhänge, dann muss ich diese zehn Minuten später nacharbeiten. Das muss man im Blick haben und auch wirklich tun.

Das neuartige Virus Covid-19 zwingt manche Unternehmen, ihre Teams ins Homeoffice zu schicken. Wie klappt die Umstellung – und das möglichst schnell? Gründer geben Tipps.

Die Gefahr bei solchen Dingen ist, dass zwischendurch nur kurz etwas erledigt wird und dann nachbearbeitet werden muss. So hat der Arbeitstag aber gefühlt kein Ende. Das sehen wir als Arbeitsrechtler natürlich als eine Gefahr, denn das Arbeitszeitgesetz gibt hier klare Regeln vor. Und wenn ich als Arbeitgeber dulde, dass mein Arbeitnehmer länger arbeitet als vereinbart, dann verstoßen beide Parteien unter Umständen gegen das Arbeitszeitgesetz oder kommen in die verzwickte Lage, dass eventuell über Überstunden diskutiert werden muss. Mit anderen Worten: Hält man sich nicht strikt an die Vereinbarung, wird es für beide Seiten kompliziert.

Wie sieht es mit der Kinderbetreuung aus?

Die Betreuung des Kindes sehe ich eher kritisch. Kinder verlangen je nach Alter deutlich intensivere Aufmerksamkeit, als man ihnen schenken kann, wenn man gleichzeitig arbeiten soll. Denn die Pflicht des Arbeitnehmers aus dem Arbeitsvertrag ist, in voller Konzentration zu arbeiten. Dem steht die Sorgepflicht fürs Kind gegenüber. Eine solche Lösung halte ich generell nicht für sinnvoll und bezweifle, dass sie allen Beteiligten wirklich gerecht wird. Sicherlich kann man mal sein Kind zu Hause haben, wenn es krank ist, und trotzdem arbeiten. Aber einer solchen grundsätzlichen Lösung würde ich als Arbeitgeber eher nicht zustimmen. 

Was passiert, wenn ich mich im Homeoffice verletze, gilt das als Arbeitsunfall?

Hier muss ich eine typische Anwaltsantwort geben: Es kommt darauf an. Geht der Arbeitnehmer von einem Außentermin zu seinem Arbeitsplatz im Homeoffice und verletzt sich dabei, dann ist das ein Arbeitsunfall. Geht der Arbeitnehmer aber in die Küche oder zur Toilette, dann ist das kein Arbeitsunfall mehr. Daher würde ich auch alle nicht zum Arbeitsbereich gehörenden Tätigkeiten unterlassen. Dazu würde für mich auch das oben erwähnte Aufhängen der Wäsche zählen.

Muss ich für meine Kolleginnen und Kollegen immer erreichbar sein, wenn ich im Homeoffice arbeite?

Der Arbeitnehmer muss zu den Kernarbeitszeiten natürlich genauso erreichbar sein, als wenn er im Büro arbeiten würde. Darüber hinaus muss der Arbeitnehmer nicht erreichbar sein – würde er ja auch nicht, wenn er das Büro verließe. Hier gibt es also keinen Unterschied.

Muss ein Arbeitgeber zum Beispiel bei Kundenbesuchen separate Räume zur Verfügung stellen?

Da sich das Homeoffice in einer privaten Wohnung befindet, kann der Arbeitgeber auch nicht darüber bestimmen, dass Kunden dort empfangen werden müssen. Daher muss er als Alternative ein Büro oder einen Konferenzraum zur Verfügung stellen. Kann er dies nicht und der Arbeitnehmer möchte in seinem Homeoffice keine Kunden empfangen, so muss der Arbeitgeber damit leben, dass man sich in einem Café oder Restaurant trifft. Das ist natürlich auch davon abhängig, wie viel Privatsphäre für das Treffen gewünscht oder benötigt wird. Wenn der Arbeitnehmer einen Kunden im Homeoffice empfangen möchte, so ist das seine eigene Entscheidung.

Übrigens: Zwar fällt durch Heimarbeit der Pendelstress weg, der Grad an Selbstbestimmung steigt. Sie hat aber auch ihre Nachteile: Im Schnitt leisten Heimarbeiter 5,6 Überstunden pro Woche. Zum Vergleich: Bei den Büro-Kollegen sind es nur 2,9 Überstunden wöchentlich. Die Europäische Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen Eurofound und die Internationale Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen kamen in einer Studie von 2017 außerdem zu dem Schluss, dass Menschen im Homeoffice häufiger krank sind. Sie schlafen schlechter und sind gestresster. In Deutschland gibt es kein Gesetz, nach dem Arbeitgeber verpflichtet sind, ihren Angestellten das Arbeiten im Homeoffice zu ermöglichen.

Dieses Interview ist im Mai 2019 im Gründerszene New Work Report erstmals veröffentlicht worden. Vor dem Hintergrund der aktuellen Corona-Pandemie und den damit verbundenen Homeoffice-Regelungen in Startups und anderen Firmen veröffentlichen wir es in Teilen erneut. Quelle


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