Geld oder Liebe – oder Freizeit?

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Was motiviert uns bei der Arbeit mehr,
Geld oder Freizeit?

Ein Forscher erklärt im Interview, was Angestellte im Job am meisten antreibt.

Work-Life-Balance ist wohl eines der Schlagworte bei der Entwicklung des Arbeitsmarkts im letzten Jahrzehnt. Jeder möchte etwas machen, das ihm Spaß macht, dafür genug Geld bekommen und am besten auch noch den ein oder anderen freien Tag haben.

Auf der anderen Seite stehen die Arbeitgeber. Sie suchen nach den besten Fachkräften und wollen, dass jeder höchst motiviert morgens ins Büro oder auf die Baustelle kommt. Aber wie funktioniert das?

Sind Mitarbeiter motivierter, wenn sie mehr Geld für ihre Arbeit bekommen? Oder sind ihnen zusätzliche freie Tage wichtiger? 

Forscher Timo Vogelsang hat sich mit genau diesen Fragen befasst. Im Interview erklärt er, was Menschen am meisten motiviert und warum wir in Deutschland so selten über Gehalt sprechen. 

bento: Du hast erforscht, was Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mehr motiviert – Geld oder Freizeit. Zu welchem Ergebnis bist du gekommen?

Timo: Freizeit hat die Probandinnen und Probanden deutlich mehr motiviert als Geld.

bento: Wie hast du das untersucht?

Timo: Studierende mussten in einem Computerlabor eine Aufgabe lösen. Sie mussten mit der Maus einen Schieberegler auf dem Bildschirm von links in die Mitte schieben. Während eine Gruppe für 60 Minuten normal arbeitete, erhielt eine andere zufällig ausgewählte Gruppe für die Arbeit einen Geld-Bonus. Eine dritte Gruppe erhielt als Bonus die Erlaubnis, das Labor 25 Minuten früher zu verlassen – sie waren am effektivsten.

bento: Was bedeutet das?

Timo: Dass wir manchmal auch die Augen für unkonventionellere Methoden offen halten sollten. Arbeitsbedingungen werden flexibler und immer mehr Leute sitzen im Homeoffice. Aber den Schritt zu mehr Urlaubstagen machen viele Unternehmen nicht. Da ist die deutsche Arbeitswelt sehr zurückhaltend.

bento: Warum ist Deutschland da im Vergleich zu anderen Ländern so träge? In Skandinavien wird ja sogar der Sechs-Stunden-Tag diskutiert.

Timo: Ich würde nicht sagen, dass Deutschland da besonders träge ist. Durch die neuen Tarifverträge der Bahn, IG Metall und Chemiebranche können Arbeitnehmer hier auch mehr Freizeit nehmen anstatt mehr Geld. Ich glaube, dass jedes Land sich da gerade auf seine eigene Art und Weise langsam den neuen Umständen anpasst.

bento: Wie wichtig ist der Freizeit-Aspekt bei der Arbeitsplatzsuche? Entscheiden sich die meisten nicht doch für mehr Geld?

Timo: Freizeit wird immer wichtiger. Wenn Unternehmen kein Homeoffice anbieten, tun sie sich in einigen Branchen heute schon schwer, Bewerber zu finden. Viele Arbeitnehmer sind sogar bereit, einen gewissen Teil ihres Gehalts zu opfern, um flexibler arbeiten zu können.

bento: Motivation ist primär für den Arbeitgeber wichtig. Was macht aber die Arbeitnehmer glücklich? Man kann ja auch unmotiviert und trotzdem zufrieden sein.

Timo: Das stimmt: Wer die ganze Zeit zu Hause sitzt, weil er nicht ins Büro fahren will, ist wahrscheinlich unmotiviert, aber glücklich. Ich denke aber auch, dass man nicht motiviert und unglücklich sein kann. Also ist höhere Motivation auch etwas Gutes für die Arbeitnehmer. In den Wirtschaftswissenschaften gibt es die Anreiztheorie. Sie besagt, dass man Mitarbeiter nur mit etwas motivieren kann, was sie gerne tun und was sie glücklich macht.

bento: Wie sieht das Idealmodell aus?

Timo: Die Idee meiner Forschung ist es, Freizeit als Bonus zu geben. Die Arbeitgeber profitieren von einer höheren Motivation der Mitarbeiter und die Angestellten können früher nach Hause gehen. Eine klassische Win-Win-Situation.

bento: Müssen Unternehmen Arbeitnehmer in Zukunft anders für sich gewinnen?

Timo: Es ist branchenabhängig, welche Modelle wirklich umsetzbar sind. Ein Produktionsbetrieb unterscheidet sich von einem Dienstleister. Es gibt Sachen, die einfach umzusetzen sind, wie flexible Arbeitszeiten. Die nächste Stufe wäre es, Homeoffice anzubieten. Kompliziert wird es bei mehr Urlaub durch ein Bonussystem oder Flexibilität bei der Anzahl der freien Tage. Letzteres wird nicht häufig umgesetzt.

bento: Zeit ist ein komplexerer Maßstab als Geld. Ein Euro ist einen Euro wert. Aber was ist eine Stunde wert?

Timo: Man kann es wirtschaftlich erklären: Eine Stunde Zeit ist so viel wert wie der Lohn, der dir als Arbeitnehmer entgeht. Für den Arbeitgeber ist es der Produktionsverlust, der entsteht, wenn nicht gearbeitet wird. Persönlich gelten aber für jeden auch noch andere Variablen. Wenn vor meinem Haus eine riesige Baustelle ist, dann macht es für mich eher keinen Sinn, von zu Hause aus zu arbeiten, weil ich dort sowieso keine Ruhe habe. Sehe ich meine Frau während der Woche allerdings selten und sie hat an diesem Tag Urlaub, dann wäre es schon gut, auch frei zu haben und zu Hause zu sein.

bento: Deine Studie zeigt: Wer mehr Freizeit bekommt, arbeitet effektiver, weil er weniger Zeit auf der Arbeit vergeudet. Wir könnten also mit weniger Arbeitszeit genauso produktiv sein wie bis dato?

Timo: Genau.

bento: Wenn ich in weniger Zeit genauso viel leiste wie vorher, dann sollte ich doch auch gleich viel Gehalt bekommen und nicht für mehr Freizeit auf Geld verzichten, oder?

Timo: Das ist schwierig. In einem Unternehmen geht es auch immer darum, dass alle Mitarbeiter gleichberechtigt sind. Es muss fair sein. Wenn Leute den gleichen Job für das gleiche Gehalt machen, würden sie sich unfair behandelt fühlen, wenn jemand anderes einfach mehr freie Tage hätte. Die neue Regel müsste dann für alle gelten.

bento: Generationen hatten schon immer wechselnde Präferenzen im Hinblick auf das Arbeitsleben und die Gestaltung ihrer Freizeit. Hat ein Wandel hinsichtlich des Freizeitbedarfs von Arbeitnehmern stattgefunden? Sind die Millennials Vorreiter?

Timo: Es gibt ein paar Studien, die in die Richtung gehen, eindeutig erforscht ist es allerdings nicht. Privat merkt man das vielleicht am häufigsten: Eltern verstehen oft nicht, warum man Homeoffice macht. Sie denken, das ist eigentlich Urlaub. Da gibt es schon einen Unterschied zu früher.

bento: Es gibt Studien, dass auch das Verhältnis zu Kollegen und Vorgesetzten eine große Rolle für die Motivation spielt. Ist das nicht vielleicht doch wichtiger als Geld oder ein weiterer Urlaubstag?

Timo: Man muss zwischen extrinsischer Motivation wie Geld oder Urlaub und intrinsischer Motivation wie Zufriedenheit im Job unterscheiden. Das kann man nicht gegeneinander aufwiegen, weil Menschen einfach unterschiedlich sind. Es gibt jedoch viele Studien, die zeigen, dass man extrinsische Anreize beispielsweise durch ein gutes Arbeitsklima oder ein gemeinsames Unternehmensziel, wie zum Beispiel gesteigerte Nachhaltigkeit, kompensieren kann.

bento: Andere Studien zeigen, dass bis zu einem bestimmten Einkommen auch das Wohlbefinden von Arbeitnehmern steigt, der Effekt aber irgendwann verpufft. Steigert also Geld bis zu einem bestimmten Zeitpunkt das individuelle Glück – aber Freizeit dafür die Motivation im Job?

Timo: Da gibt es auch Extremfälle. Wenn jemand wirklich sehr wenig verdient, dann wird man ihn auch nicht mit mehr Freizeit motivieren. Er würde wahrscheinlich gern einfach mehr arbeiten und dafür auch mehr Geld bekommen, und nicht einen weiteren freien Tag. Ich denke, Freizeit rückt mehr in den Fokus, sobald die Grundbedürfnisse abgedeckt sind.

bento: Über das Gehalt redet abends in der Kneipe niemand gern. Wäre das bei Freizeit vielleicht anders?

Timo: Ich weiß nicht, warum wir so wenig über Geld sprechen. Wahrscheinlich, weil man es sparen und anderen geben könnte. Das ist mit Freizeit schwieriger. Mit einer freien Stunde kann ich in der Kneipe keine Runde ausgeben. Was heißt es, wenn man stolz auf seinen Urlaub ist? Vielleicht denken andere dann einfach nur, dass du faul bist und keine Lust auf Arbeit hast. Eventuell würde man sich also letztendlich doch wieder zurückhalten. Quelle


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