Begeistert Dich Dein Beruf?

Geschrieben von: . Lesezeit: 6 min

Führst Du Deinen Beruf mit Leidenschaft, Begeisterung und Kreativität aus, oder –
Ist Deine Arbeit eher ein chronologischer Ablauf funktionierender Abläufe?

Egal ob Du am Fließband stehst, ein Projekt leitest, einen Marketingplan erarbeitest oder ob Du als QM Beauftragter die Planung, Überwachung und Korrektur des Qualitätsmanagement-Systems überwachst.

Der Beruf, der Dein Leben bereichert, lebt vor allen Dingen von Deiner Begeisterung und Leidenschaft, Dinge und Arbeitsabläufe zu verändern, zu verbessern, zu ergänzen, zu variieren und dadurch Deine Lebensqualität bei der Arbeit zu verbessern.

Wenn Du nur funktionierst und Deine Persönlichkeit auf Funktionen reduzierst, wirst Du nie erleben, wie bereichernd ein Beruf sein kann, der Deine komplette Wahrnehmung und Persönlichkeit zum Einsatz bringt.

Stelle Dir folgende Fragen:

  • Bin ich zufrieden mit meinem Job?

  • Bringt man mir Anerkennung und Respekt auf meiner Arbeitsstelle entgegen?

  • Gehe ich jeden Morgen mit Freude zur Arbeit?

  • Mache ich Feierabend mit dem Gefühl, etwas Sinnvolles geleistet zu haben?

  • Konnte ich meine Potentiale überzeugend einsetzen?

  • Befinde ich mich in einer beruflichen Sackgasse?

  • Wird meine Tätigkeit anerkannt?

  • Stoße ich in meinem Umfeld auf Verständnis?

  • Nagt an mir der Selbstzweifel?

  • Gehen mir die Ideen für die JobSuche aus?

  • Beschleicht mich das Gefühl, ich bin zu alt?

Ein interessantes Interview zu diesem Thema führte DER STANDARD mit David Rolfe Graeber. David Graeber ist ein US-amerikanischer Anthropologe und Publizist, der anarchistische Positionen vertritt. Er lehrt an der London School of Economics and Political Science.

Sein Neustes Thema: „Ein Drittel unserer Jobs ist sinnlos“

Das Interview führte Leopold Stefan 31. Dezember 2018

Der Schriftzug FUTURE wird von einem menschlichen und einem Roboterfinger gehalten.

Roboter erledigen längst viele wichtige Aufgaben. Die Entlastung brachte der Menschheit aber nicht mehr Freizeit, sondern zu viel Arbeit ohne Nutzen, sagt Anthropologe Graeber

STANDARD: In Ihrem gleichnamigen Buch schreiben Sie über Bullshit-Jobs. Was ist das?

Graeber: Es ist kein mieser Job, das wird leicht verwechselt. Ein Bullshit-Job ist nicht unangenehm, schlecht bezahlt und ohne Status, sondern oft das Gegenteil. Das Wesentliche ist, dass derjenige, der einen Bullshit-Job ausübt, sich insgeheim denkt: Es gibt keine Existenzberechtigung für meine Tätigkeit. Wenn Sie glauben, dass die Welt ohne Ihre Tätigkeit gleich oder sogar etwas besser wäre – das ist ein Bullshit-Job.

STANDARD: Es liegt also an der Selbsteinschätzung, ob man die Welt verbessert?

Graeber: Ja, ob man die Welt überhaupt tangiert. Viele gehen, meist in einem Büro, einer Tätigkeit nach, von der sie selber denken, dass eine Software das in 20 Minuten erledigen könnte.

STANDARD: Wie kamen Sie überhaupt auf die Idee, dem nachzugehen?

Graeber: Ich bin oft Menschen auf Veranstaltungen, auf Partys begegnet, meist Akademikern, die auf die Frage nach ihrem Beruf sagen: „Ich mache nichts wirklich.“ Zuerst dachte ich, sie seien bescheiden, aber wenn man nachfragt, kommt man drauf, dass sie es wörtlich meinen. Sie sitzen den ganzen Tag herum und schauen unbemerkt Katzenbilder im Internet. foto: picture desk / camera press / tom stockill Der Anthropologe David Graeber untersucht in seinem neuen Buch „Bullshit Jobs“ das ausufernde Phänomen nutzloser bezahlter Tätigkeiten.

STANDARD: Kommt sicher vor, aber Sie meinen wirklich, das sei weitverbreitet?

Graeber: Das wollte ich eben herausfinden. Ich wollte wissen, warum wir trotz der Digitalisierung und der Automatisierung keine 15-Stunden-Woche haben. Die Roboter werden uns nicht erst in Zukunft die echte Arbeit wegnehmen, sie haben es ja schon getan. Von den Berufen, die es 1950 gab, existiert heute nur mehr die Hälfte.

STANDARD: Kutscher verschwinden, Programmierer kommen dazu, das sind ja keine Roboter.

Graeber: Ja, aber viele von den neuen Jobs sind eben nutzlos. Sie wurden erschaffen, weil es für unser System so bequem ist.

STANDARD: Sie haben ja hunderte Beispiele gesammelt.

Graeber: Ja, die meisten Bullshit-Jobs, die mir unterkamen, waren im mittleren Management und generell Bürotätigkeiten. Wir glauben fälschlicherweise, dass unser Wohlstand darauf basiert, dass der Dienstleistungssektor seit den 1930ern so stark gewachsen ist. Viele denken, weil Roboter in den Fabriken stehen, machen wir einander komplizierte Caffè Latte oder Designer-Sushi. Aber tatsächlich ist der Anteil der Menschen, die echte Dienstleistungen erbringen, wie Haare schneiden oder Essen servieren, seit den 1930ern ziemlich gleich bei rund 20 Prozent geblieben.

STANDARD: Der Dienstleistungssektor ist aber stark gewachsen.

Graeber: Genau, weil sich der Anteil der Bürojobs verdreifacht hat, viele davon nutzlos. Das habe ich zuerst in einem Essay geschrieben. Darauf gab es so viel Widerhall, aber auch Geständnisse von Menschen, die ihren Beruf als Bullshit-Job sehen. Ich bekam Zuschriften wie: „Ich bin ein Unternehmensanwalt, ich trage nichts bei.“

STANDARD: Anekdoten schön und gut, aber wie hoch ist der Anteil solcher Jobs wirklich?

Graeber: Ein Drittel, wie Umfragen zeigen. Zumindest in Großbritannien sagten nur 15 Prozent der Befragten, dass sie sicher seien, dass ihr Job etwas zur Welt beitrage. 13 Prozent waren sich unsicher und 37 Prozent waren sich absolut sicher, dass sie in ihrem Job keinen gesellschaftlichen Beitrag leisten. Das hat mich schockiert.

Eine Uhr wird von einem menschlichen und einem Roboterfinger gehalten.

STANDARD: Zwischen Weltverbessern und komplettem Nutzlos-Sein gibt es aber Abstufungen. Was empfinden Menschen als Bullshit-Job? Konzernanwälte, PR-Spezialisten, Rezeptionisten in Büros ohne Kundenverkehr. Letzteres können aber auch Roboter schon erledigen, wie dieser an einem Hotel in Tokio zeigt.

Graeber: Darum wollte ich durch Erfahrungsberichte genauer verstehen, was Menschen als Bullshit-Job empfinden. Entgegen meinen Erwartungen waren es keine Geschichten vom Barista, der findet, dass er überteuerte Kaffeekreationen auftischt. Niemand hat so etwas gesagt. Es ging nicht um Konsumismus, das haben Leute nicht verurteilt. Es ging vor allem um Konzernstrukturen, um unnötige Rollen darin; Konzernanwälte, PR-Spezialisten, Telemarketer oder Lobbyisten haben sich gemeldet. Aber auch Rezeptionisten in Büros ohne Kundenverkehr – ihre Rolle ist rein repräsentativ.

STANDARD: Die Kräfte des Marktes würden doch dazu führen, dass ineffiziente Firmen scheitern. Wieso sollte jemand Heerscharen von überzahlten Nichtsnutzern anstellen?

Graeber: Die Marktmechanismen funktionieren in einer Form des Kapitalismus, in der kleine und mittlere Unternehmen in freiem Wettbewerb stehen. Das sieht man etwa im Restaurantgewerbe. Da sitzen wenig Leute herum und drehen Däumchen. In den Großkonzernen, etwa im Finanzsektor, ist die Dynamik anders. Da basieren Profite auf dem, was Ökonomen als regulierte Renten bezeichnen. Die Profite entstehen im Fire-Sektor (Finanz, Versicherung und Immobilien, Anm.). General Motors verdient heute nicht mehr Geld mit Autos, sondern mit der Kreditvergabe für den Autokauf. In diesem ganzen Wirtschaftsbereich geht es um enge Beziehungen zur Politik und Justiz. Die politischen und ökonomischen Verhältnisse verschwimmen.

STANDARD: Dann brauchen sie mehr Anwälte, aber doch keine nutzlosen. Woher kommen diese Jobs?

Graeber: Ich glaube, das hat politische Gründe. Das Einzige, worauf sich die Linke und die Rechte einigen können, ist, dass mehr Jobs etwas Gutes sind. Daher gibt es wenig Anreize, irgendeine Maßnahme zu setzen, die Jobs abschafft. Ein schlagender Beweis ist eine Aussage des damaligen US-Präsidenten Barack Obama. Er meinte, es sei effizienter, eine einzige, staatliche Gesundheitsvorsorge zu haben, aber die jetzige Ineffizienz basiert auf der Duplikation von Jobs. Was würden wir mit zwei, drei Millionen Menschen im privaten Gesundheitssektor machen, fragte er. So wächst das Problem.

STANDARD: In weiten Teilen Europas ist die Sozialdemokratie auf dem Rückzug. Was raten sie ihr, sollte sie die Bullshit-Jobs angehen?

Graeber: Ja, schon. Ich glaube, die Linke braucht ein antibürokratisches Programm. Wir haben dieses Feld der Rechten überlassen, das war deppert! Bürokratie ist oppressiv und bewirkt, dass sich arme Leute schlecht in ihrer Haut fühlen. Es wäre höchste Zeit darüber nachzudenken, gegen derartige Bürokratie vorzugehen.

STANDARD: Etwa durch ein Grundeinkommen?

Graeber: Das würde gegen Bullshit-Jobs wirken und Bürokratie reduzieren. Man wäre die halben Bürokraten los, die lästigere Hälfte noch dazu, die überwachen, ob man intensiv genug eine Arbeit sucht. Das sind übrigens auch jene, die ihre Jobs am meisten ablehnen.
(Leopold Stefan, Portfolio, 27.12.2018)

Quelle: DER STANDARD

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Über den Autor:

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